Objekt des Monats

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Objekt des Monats Juli 2020 – Taschenjagdhorn von Werner Ansorg

Taschenjagdhorn Unser Objekt des Monats ist in gewisser Weise etwas Besonderes. Es handelt sich um ein so genanntes Taschen- oder Treibjagdhorn des Herstellers B&S (VEB Blechblas- und Signalinstrumentenfabrik) aus dem Vogtland. Diese Art Horn wird auch als Fürst-Pless-Horn bezeichnet, ein in B gestimmtes Blechblasinstrument welches vor allem Jägern zum Anstimmen der Jagdhornsignale dient. Benannt wurde das Fürst-Pless-Horn ab 1880 nach Hans Heinrich XI., Fürst von Pless, dem Oberjägermeister von Kaiser Wilhelm I., der zu seiner Verbreitung wesentlich beitrug. Eingang fand es in das Waidwerk über die Jäger- und Schützeneinheiten des deutschen Bundesheeres. Die im deutschen Bundesheer dienenden Förster und Berufsjäger nahmen es mit ins Zivilleben und so fand es auch bei den Rinderhirten des Thüringer Waldes als weniger sperriger Ersatz für das hölzerne Hirtenhorn vielfach Verwendung.

Am Zustand unseres Exemplars kann man unschwer erkennen, dass dieses sehr oft in Benutzung gewesen sein muss. Auch fehlt die eigentlich übliche Umwicklung mit imprägniertem Stoffband, Leder oder Kunstleder.
Besonders wertvoll ist es aber für unsere Sammlung, weil es das Mini-Jagdhorn aus dem Nachlass von Werner Ansorg ist. Oft und gerne trug er es in der Hosentasche bei sich, um bei günstiger Gelegenheit zur Überraschung der Umstehenden ein altes Hirtensignal zum Besten zu geben.
Werner Ansorg, der „Neubäck" war eine besondere Zella-Mehliser Persönlichkeit, welche vielen älteren Zella-Mehlisern noch bekannt sein wird. Am 16. Juli diesen Jahres wäre er 100. Jahre alt geworden.
Als Sohn eines Bäckermeisters geboren, erlernte er auch den Beruf des Bäckers. Mit 19 Jahren wurde er eingezogen und lernte alle Schrecken des Krieges kennen.
Nach seiner glücklichen Heimkehr aus englischer Kriegsgefangenschaft hatte er weder seinen Optimismus noch seinen Humor verloren.
Nach dem Meisterabschluss übernahm er 1949 die väterliche Bäckerei.
In dieser Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg begann er aber auch mit großem Engagement das öffentliche Leben mitzugestalten.
Er gehörte in den 1950er Jahren zu den Enthusiasten, die in Zella-Mehlis einen Verkehrs- und Verschönerungsverein gründeten um die Stadt schöner und lebenswerter zu gestalten und den Fremdenverkehr wiederzubeleben.
Er arbeitete viele Jahre als Stadtverordneter ehrenamtlich für die Stadt, engagierte sich für den Bau des Schwimmbades und unterstützte aktiv den Bau der Ruppberghütte.
Als beliebter Kirmesprediger gelang es ihm den Menschen in schweren Zeiten einen humorvollen Blick auf die oftmals ernsthaften Schwierigkeiten des Alltags zu vermitteln und als einer der Organisatoren der bekannten Hirtenfeste wirkte er bei der Wiederherstellung eines vielgestaltigen, gesellschaftlichen Lebens in der Stadt intensiv mit.
Zum zweiten Hirtenfest bekam die Stadt vom damaligen Leiter des Hirtenmuseum Hersbruck einen fränkischen Schellenbügel geschenkt. Dies war der Beginn von Werner Ansorgs wesentlichstem und bedeutsamstem Engagement für unsere Heimat. Er begann die durch den Krieg verlorene Museumstradition wiederzubeleben, mit dem Ziel wieder ein Museum in Zella-Mehlis zu errichten.
Mit einigen Gleichgesinnten wurden in unermüdlicher, jahrelanger ehrenamtlicher Tätigkeit Sachzeugen der Heimatgeschichte zusammengetragen und aufbereitet, 1963 konnte das Heimatmuseum am Mehliser Markt eröffnet werden. Als dessen ehrenamtlicher Leiter bis 1987 wurde er als „museumsverrückter Bäckermeister" weithin bekannt. Bis zu seinem Tode galt sein intensivstes ehrenamtliches Engagement der Weiterentwicklung und Gestaltung des Museums.
Dabei setzte er neben seiner Zeit, seinen Beziehungen und oft eigenem Geld seine ganze, unvergleichbare Persönlichkeit dafür ein, unwiederbringliche museale Zeitzeugen für die Stadt zu erhalten.
Seiner herausragenden Persönlichkeit ist es auch zu verdanken, immer wieder Menschen von der Sache zu überzeugen. Seien es Entscheidungsträger in Ämtern und Verwaltungen oder Mitstreiter bei der musealen Arbeit.
Hinter einer äußeren Einfachheit wusste er mit scharfem Verstand und humorvoller Verpackung wichtige Sachverhalte Menschen nahezubringen und diese für sich und seine Sache zu gewinnen.
Werner Ansorg wurde so zum Nestor des musealen Wiederaufbaus in Zella-Mehlis nach dem Krieg.
Wenn wir heute zu Recht stolz auf wunderbare Museen in unserer Stadt sein können, ist dies auch ein wesentlicher Verdienst von Werner Ansorg.
In Erinnerung und Würdigung seines Lebenswerks hat seine Heimatstadt 2010 eine Straße nach Werner Ansorg benannt.